💳 Was kostet die Welt? Warum die Deutschen nicht mehr sparen. Blogbeitrag von Fabienne vom 2. April

Früher war Kredit an große Lebensentscheidungen gekoppelt: Haus, Auto, Küche. Heute finanzieren wir Sneakers, Smartphones und Festival-Tickets. Kann das gutgehen?

Was mich fasziniert? Die Psychologie, wenn es um das Thema Geld geht. Wie wir uns beim Thema Geld kollektiv selbst austricksen. Wir sprechen häufig über Money Mindset, über unsere Glaubenssätze. Und da kommt dann offiziell das: Wir sind das Land der Sparer.

Aber inoffiziell sieht es anders aus. Inoffiziell werden wir mehr und mehr das Land der Monatsraten. Klein, bequem, gut verpackt. Und emotional entlastend. Wer in Raten zahlt, fühlt sich nicht verschuldet, sondern flexibel. „Buy Now, Pay Later“ ist das perfekte Symbol dafür. BNPL klingt nicht nach Kredit, sondern nach Service. Nach Freiheit. Nach „kein Stress“.

Psychologisch brillant. Finanziell oft weniger. Denn unser Kopf hängt sich am „Buy Now“ auf – und verdrängt das „Pay Later“ konsequent. In meinen Seminaren frage ich gern: „Wer von euch hat Schulden?“ Kaum Hände. Dann frage ich anders: „Wer zahlt gerade etwas in Raten, hat Abos, ein finanziertes Handy, ein Auto-Abo oder offene BNPL-Zahlungen?“ Plötzlich gehen fast alle Hände hoch.

Willkommen in der neuen deutschen Realität: Wir haben Schulden, nennen sie aber Lifestyle. Besonders paradox ist, was aktuell beim Sparen und Konsum gleichzeitig passiert. Deutsche sparen immer weniger. Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der Unsicherheit eigentlich ein natürlicher Sparmotor wäre. Inflation, geopolitische Krisen, Zukunftsangst? Früher hätte das zu Zurückhaltung geführt. Heute führt es oft zu Trotz-Konsum.

Täglicher Begleiter: Kredit

Denn Unsicherheit verändert unser Zeitgefühl. Wenn sich die Zukunft instabil anfühlt, gewinnt die Gegenwart an Bedeutung. Das zeigt sich auch im Konsumverhalten: Trotz Inflationssorgen – oder gerade deswegen – reagieren wir auf Rabattaktionen. Wir müssen sparen und möchten sparen. Aber wir treffen auf Black Friday, Cyber Week und „nur heute“-Deals. Auf einzelne Tage, an denen deutlich mehr konsumiert wird als an normalen Tagen. Angst vor Kaufkraftverlust trifft auf maximale Verführung.

Wir befinden uns in einem großen Spannungsfeld zwischen finanziellen Sorgen auf der einen Seite und einer hohen Aktivität bei Konsum- und Kreditprodukten auf der anderen. Kredit ist kein Ausnahmezustand mehr, sondern Alltagsbegleiter.

Immer verfügbar, immer digital, immer eingebettet in scheinbar harmlose Entscheidungen. Ein Klick, ein Swipe, ein „nur 39 Euro im Monat“.

Deutschland steckt mitten in einem Kulturwandel. Alte Werte wie Sparen, Verzicht und langfristige Planung wirken plötzlich altmodisch. Neue Werte heißen Flexibilität, Bequemlichkeit, sofortige Bedürfnisbefriedigung. Das ist nicht per se falsch. Doch es erfordert neue Fähigkeiten: psychologische Fähigkeiten, finanzielle Selbstführung. Wir müssen den Überblick über unsere Finanzen behalten.

Zur finanziellen Wahrheit gehört auch: Finanzplanung beginnt nicht mit ETFs, sondern mit einem Puffer. Drei bis sechs Monate der laufenden Ausgaben als Reserve. Das ist keine spießige Regel, sondern finanzielle Selbstverteidigung. Nur schrumpft dieses Polster bei vielen gerade spürbar. Inflation frisst Rücklagen, während wir gleichzeitig beginnen, Dinge zu finanzieren, die früher aus dem laufenden Einkommen kamen oder gar nicht gekauft wurden. Neue Möbel, neue Kleidung, der nächste Urlaub – alles Teil eines Lifestyles, der sich massiv verändert hat.

Viele klagen, ein Einkommen reiche nicht mehr aus. Was dabei oft untergeht: Der Anspruch an den Alltag ist gestiegen. Vor der Pandemie ließ man sich gelegentlich eine Pizza liefern. Heute gehören Essenslieferungen in Großstädten für viele zum Alltag. Bequem, schnell, aber auch teuer. Diese kleinen, regelmäßigen Ausgaben weichen Budgets auf und lassen Rücklagen schrumpfen.Wir leben nicht nur in einer teureren Welt, sondern auch in einer komfortableren. Und dieser Komfort wird immer häufiger nicht aus Einkommen bezahlt, sondern aus Zukunft.

Finanzielle Freiheit im Fokus

Früher war Kredit an große Lebensentscheidungen gekoppelt: Haus, Auto, vielleicht noch die Küche. Heute finanzieren wir Sneakers, Smartphones, Reisen oder Festival-Tickets. Kredit wird nicht mehr beantragt – er taucht einfach auf. Direkt im Check-out. Freundlich formuliert. Ohne Reibung. Unsichtbarer Kredit ist der gefährlichste Kredit.

Was kostet die Welt? Vieles gibt es heute auf Raten. Doch sollten wir auch an morgen denken und unsere finanzielle Sicherheit und Freiheit im Blick behalten. Financial Wellness bedeutet auch finanzielle Klarheit.

Erschienen in der ersten Ausgabe von Anlage Punk. Eine Kollaboration von Business Punk und dem Finfluencer Circle.

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