😍 FOMO auf Koreanisch – oder warum Gier das gefährlichere Gefühl an der Börse ist. Blogbeitrag von Edda vom 6. September

„Alle verdienen gerade Geld – nur ich nicht.“

Kaum ein Satz beschreibt FOMO an der Börse besser. Fear of Missing Out, die Angst, etwas zu verpassen, klingt zunächst nach einem Problem der Generation TikTok. Nach Menschen, die jedem Trend hinterherlaufen, weil irgendwo auf Instagram gerade wieder jemand mit einer Aktie das große Geld gemacht hat. 

Aber FOMO ist viel älter als Social Media. Sehr viel älter. Und manchmal nimmt FOMO ziemlich extreme Formen an. Ein Blick nach Südkorea zeigt eindrucksvoll, was passiert, wenn eine gute Geschichte, steigende Kurse und die Angst, nicht dabei zu sein, zusammenkommen. Dann kann aus der Angst, etwas zu verpassen, sehr schnell Gier werden.

Willkommen in der Kospi-Manie

Südkorea ist eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte. Innerhalb von zwei Generationen hat sich das Land vom Produktionsstandort für Billigtextilien zu einer der führenden Industrienationen entwickelt. K-Pop, K-Style und Spitzentechnoligie – südkoreanische Unternehmen und Marken sind längst weltweit präsent. Auch an der Börse läuft es beeindruckend.

Der Kospi, Südkoreas wichtigster Aktienindex, hat sich innerhalb eines Jahres im Verlauf verdoppelt, im Sommer vom Gewinn vorübergehend wieder sehr viel verloren Übrig bleibt immer noch eine beeindruckende Performance. Kehrseite: Hier erhältliche ETFs haben eine Ein-Jahres-Volatilität von etwa 60 Prozent. Das ist die Schwankungsbreite nach oben und nach unten. 

Gleichzeitig haben zwei Unternehmen einen unglaublichen Einfluss auf den Index gewonnen: Samsung Electronics und SK Hynix standen 2016 zusammen für rund 16 Prozent des Leitindex Kospi, jetzt etwa die Hälfte.

Die Equity Story dahinter: Künstliche Intelligenz braucht sehr viele Speicherchips. Samsung und SK Hynix profitieren davon massiv. Seit dem Start von ChatGPT im November 2022 ist SK Hynix in der Spitze um mehr als 2.000 Prozent gestiegen, Samsung um rund 300 Prozent. 

Leider ist eine gute Geschichte nicht immer ein gutes Investment. Bei der FOMO auf koreanisch kamen zudem noch viele Hebel ins Spiel.

Wenn aus Begeisterung Gier wird

An der Börse sprechen wir gerne über Angst. Was passiert, wenn die Kurse fallen? Verkaufen wir panisch, halten wir durch oder kaufen wir nach? Dabei kann das zweite starke Gefühl, das uns an der Börse im Weg steht, noch gefährlicher sein: die Gier.

Der Herdentrieb ist ein typisches Börsenphänomen: Steigende Kurse ziehen weitere Käufe an, weil der Eindruck entsteht, dass es immer weiter nach oben geht. Das Problem: Niemand möchte eine Party verpassen, bei der es gerade hoch her geht. Und wer schon da ist, will nicht weg. 

Wenn die Nachbarin mit ihrer Aktie 50 Prozent verdient hat, der Kollege gerade seine Gewinne zeigt und in den sozialen Medien gefühlt alle mit einem KI-Investment reich werden, entsteht schnell ein Gedanke: Vielleicht sollte ich auch noch einsteigen. Und wenn ich erst spät komme, will ich möglichst schnell das Verpasste nachholen. 

Auf der Party sind das drei Gin-Tonic in 20 Minuten, an der Börse gehebelte Investments auf Kredit.

Gier macht aus einer guten Idee ein schlechtes Investment

In Südkorea lässt sich der FOMO-Mechanismus besonders gut beobachten. Die steigenden Kurse haben nicht nur die Depots verändert, auch der Konsum boomt. Hohe Boni in der Chipindustrie treffen auf steigende Aktienkurse und eine neue Lust am Ausgeben. Lifestyle-Inflation ist das Buzzword dazu. Die Nachfrage nach Luxusgütern steigt, Schmuck, Uhren, teure Autos.

Das überträgt sich auf die Investments: Ersparnisse und Versicherungspolicen wandern ins Depot, Wertpapierkredite verdoppeln sich und werden salonfähig. Schnell wird aus FOMO Gier und ein echtes Risiko. 

Auch wenn die Story stimmt, d.h. Samsung und SK Hynix profitieren tatsächlich langfristig vom KI-Boom und die Kurse steigen weiter, kann der Kauf heute eine schlechte Entscheidung sein. Die Zukunft ist niemals so sicher ist, wie sie sich in der Euphorie anfühlt. Ein hervorragendes Unternehmen ist nicht automatisch zu jedem Preis ein hervorragendes Investment.

Das gilt für Samsung, SK Hynix wie für alle KI-Aktien, für den nächsten gehypten ETF und auch für die Aktie, über die gerade alle im Freundeskreis sprechen. Denn steigende Kurse erzeugen sozialen Druck. Je mehr Menschen scheinbar verdienen, desto größer wird das Gefühl, selbst etwas falsch zu machen.

Besonders brisant wird FOMO, wenn geliehenes Geld ins Spiel kommt. Wer auf Kredit investiert, kann nicht einfach abwarten, bis der Markt sich wieder erholt. Die Schulden bleiben – auch wenn die Aktie fällt. Gehebelte Derivate hebeln auch dieses Risiko.

Geschichte reimt sich

FOMO ist keine Erfindung des digitalen Zeitalters. Schon im 19. Jahrhundert konnten Anlegerinnen und Anleger dem Gefühl erliegen, etwas Großes zu verpassen. Als die Eisenbahn zum Symbol des technischen Fortschritts wurde, floss immer mehr Kapital in neue Eisenbahnunternehmen. Die Aussicht auf ein völlig neues Zeitalter von Mobilität, Handel und Wohlstand war real. Das machte die Spekulation so verführerisch. Viele wollten dabei sein, bevor der Zug endgültig abgefahren war. 

In Großbritannien entstand in den 1840er-Jahren die sogenannte „Railway Mania“: Aktienkurse und Gründungen schossen nach oben, immer neue Projekte zogen Kapital an. 

Auch an der Frankfurter Börse spekulierte die Bürgerschaft mit Infrastrukturprojekten wie die Eisenbahnlinie zwischen Frankfurt und Wiesbaden – die damalige Taunus-Bahn.

Die Euphorie endete schließlich in einem Crash. Steigende Zinsen, Kreditverknappung durch stärkere Regulierung und wirtschaftlichen Abschwächung lösten 1847 Panikverkäufe aus. Die Eisenbahn war tatsächlich eine revolutionäre Technologie. Die Geschichte zeigt aber, dass eine große Zukunftsvision und ein gutes Investment selten dasselbe sind. Die Technologie bleibt, aber nur wenige Unternehmen der ersten Stunde. Eine ähnliche Entwicklung bietet die Dotcom-Bubble zur Jahrtausendwende.

Oder Meme-Aktien. Immer wieder entstehen neue Geschichten, neue Technologien, neue Helden und klingt es irgendwann so, als sei diesmal alles anders.

Natürlich ist nicht jede Euphorie eine Blase. Und steigende Kurse sind nicht automatisch irrational. Auch das zeigt die Geschichte: Wer aus Angst vor dem nächsten Crash ständig auf der Seitenlinie steht, verpasst langfristig ebenfalls Chancen. Aber wir können entscheiden, wie viel Risiko wir eingehen wollen.

Vier Fragen und ein No-go gegen FOMO

Wenn du merkst, dass du unbedingt bei einer Aktie oder einem Trend dabei sein möchtest, hilft eine kleine Pause.

Frag dich:

1. Würde ich diese Aktie auch kaufen, wenn sie in den vergangenen zwölf Monaten nicht gestiegen wäre?

Das ist eine erstaunlich gute FOMO-Bremse, denn manchmal kaufen wir nicht das Unternehmen – sondern seine bisherige Kursentwicklung.

2. Passt die Position wirklich in mein Depot?

Wie groß darf sie sein? Wie hoch ist mein Risiko? Habe ich bereits andere Investments, die vom gleichen Trend profitieren? Gerade beim Thema KI kann schnell eine Konzentration entstehen, ohne dass sie auf den ersten Blick auffällt.

3. Würde ich den Kauf auch aushalten, wenn die Aktie morgen 30 Prozent verliert?

Wenn die ehrliche Antwort „Nein“ lautet, ist vielleicht nicht die Aktie das Problem – sondern die Größe der Position. 

4. Kann ich das Investment auch meiner Cousine empfehlen?

Dann habe ich wirkliche Argumente. 


5. No-go: Auf Kredit investieren.

Kredit und hochvolatile Wertpapiere sind eine Kombination, die aus einer Kursbewegung schnell ein finanzielles Fiasko machen können.

„Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“

Auch solchen Geschichten können wir viel lernen und die Rendite aus dem taktischen Depot für eine Reise nach Südkorea einsetzen.

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